HISTORISCHES

Geschichte eines alten Hauses

Nach alten Aufzeichnungen gab es in der Nähe des Bischofshofes schon um 1200 eine Apotheke. Bereits um 1248 soll sich zwischen der Johanniskirche und den angrenzenden Bürgerhäusern eine Apotheke befunden haben: die “apotheca sita retro parrochiam sancti Johannis”. [Quelle: Kranzbühler, Dr. Eugen: Verschwundene Wormser Bauten. Beiträge zur Baugeschichte und Topographie der Stadt. Kommissionsverlag H. Kräuter’sche Buchhandlung, Worms 1905, S.34/35]

Das bürgerliche “von Prittwitzische Haus” mit Hof und Stallungen, die heutige Adler-Apotheke, bildete bereits damals einen Pfeilerpunkt des Domgeländes, wie ein Aufriss der östlichen Arkadenmauer am seinerzeitigen Johannisfriedhof zeigt.

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Als ehemals freie Reichsstadt, heute kreisfreie Stadt in Rheinland-Pfalz, ist Worms am Rhein der historische Mittelpunkt des Wonnegaus. Die Metropole in verkehrsgünstiger und zudem fruchtbarer Lage mit einer Bevölkerungsrate von über 80.000 hat als Dom-, Luther- und Nibelungen-Stadt ein außerordentliches Alter archäologisch hohen Stellenwert. Dem einst keltischen „Borbetomagus“ kam in der Römerzeit als „Civitas Vangionum“ erhebliche Bedeutung zu. Der blühende Hauptort seines Umlandes wurde erstem sicheren Beleg des Jahres 614 später sogar Sitz eines Bischofs:

Mitten in der Stadt als Eckpfeiler der nur an dieser Stelle noch erhaltenen Domumbauung der Nibelungenstadt befindet sich in unmittelbare Nähe des Kaiserdoms in dem um 1720 entstandenen und ehemals im Eigentum der Familie von Prittwitz stehenden stattlichen Barockpalais seit 1841 die Adler-Apotheke.

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Der unverputzte, dreigeschossige von einem barocken Mansarddach gekrönte Haussteinbau hat eine Fassadenausdehnung von fünf Fensterachsen mit zahlreichen, oft sehr zierlichen Füllungen der Felder unter- und oberhalb der Fenster. Der charakteristische Barockbau mit seinen künstlerisch besonders wertvollen Details hat als eines der wenigen Bauten des 18. Jahrhunderts den Zweiten Weltkrieg überstanden und deshalb für Worms eine besondere Bedeutung.

Der Dom und die Adler-Apotheke als Zeitzeugen ehemaliger Stadtbaukunst bilden heute eines der wichtigsten Architektur-Ensembles der Stadt. Da die jeweiligen Eigentümer das Haus nie, wie es in späteren Jahren mit vergleichbaren Häusern gerne gehalten wurde, dem Zeitgeschmack entsprechend umgebaut haben, ist es noch heute in seinem ursprünglichen Gefüge erhalten. Als besondere Rarität zeugt die hängende Konstruktion des großen zweigeschossigen Treppenhauses mit hölzernem Balustergeländer im Inneren des Gebäudes von den überragenden handwerklichen Fähigkeiten der Zimmerleute aus vergangenen Zeiten. Die barocke Treppenanlage aus dem 18. Jahrhundert, die es sonst nur in herrschaftlichen Häusern gab, ist die letzte im Original in Worms noch erhaltene ihrer Art.

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Am 18. Januar 1910 wurde das Gebäude der Adler-Apotheke wegen der künstlerischen Qualität seiner Ausbildung vom Ausschuss für Baudenkmäler der Provinz Rheinhessen an Stelle des Denkmalrates für das Großherzogtum Hessen unter Denkmalschutz gestellt. Obschon das Anwesen den Zweiten Weltkrieg vergleichsweise gut überstanden hat, hinterließen Beschussangriffe ihre Spuren und durch den von in der Nähe niedergehenden Bomben erzeugten Luftdruck entstanden dennoch Schäden, so dass eine Sanierung zumindest ins Auge gefasst wurde. Im Rahmen von Renovierungsmaßnahmen zur Erhaltung des Gebäudes wurden sodann 1980 unter Einsatz erheblicher privater Mittel der Familie des heutigen Eigentümers Tassilo Strasser sowie hoher staatlicher Zuschüsse auch die Apothekenräume vollständig umgestaltet und den Erfordernissen eines modernen Betriebs angepasst. An der Fassade angebrachte Gedenktafeln erinnern an berühmte Bewohner des Palais zu Prittwitz.

Prittwitz

Bauherr und Erstbesitzer war der von Karl VI. in den Adelsstand erhobene königlich preußische Armee-Hauptmann Freiherr Joachim Wilhelm von Prittwitz. Das Wappen des preußischen Offiziers, der sich a.D. im Schatten des Wormser Doms niederließ, ist noch heute an der Wand links hinter dem Eingang Andreasstraße zu sehen. Der in prächtiger Uniform mit schwarz-goldenen Schnüren durch Worms zu spazierende alte Offizier erregte eines Tages die Missbilligung eines Kollegen, der als österreichischer Hauptmann in Worms Rekruten warb, auf sich. Dieser empfand die kaiserlichen Farben Schwarz-Gold als Uniformdekoration als Anmaßung und führte Beschwerde gegen den Herrn von Prittwitz, der allerdings auf die Farben seines Wappens verwies und dieses Wappen seiner Rechtfertigungsschrift beifügte. So blieb es dem Wormser Archiv erhalten. Auf einer von den Brüdern Kaiser nachempfundenen Blechplatte zeigt die linke Hälfte des Wappenschildes das schwarz-goldene Karomuster eines Dame-Spieles, die rechte teilt sich in die Darstellung eines Schildes und zweier Schwerter. Aus der Bekrönung wachsen zwei eigenartige Halbfiguren: ein armloser Neger mit Halskette und Stirnband, dessen Enden im Wind flattern, und ein Mann mit Hut, dessen Krempe über der Stirn aufklappt.

Der Sohn eines Vorbesitzers der Adler-Apotheke Worms, der Apotheker Theodor Salzer, in Worms geb. 27.02.1833 und gest. 29.01.1900, besuchte von 1843 an das Gymnasium in Worms und im Anschluss daran 1848 die Gewerbeschule in Darmstadt, wo er sich dem Studium der Architektur widmen wollte, was er aber später wieder aufgab. Von 1851 bis 1854 war Salzer Lehrling in der Apotheke Zu Mutterstadt (Pfalz) und arbeitete danach als Gehilfe in Pforzheim, Basel und Koblenz. Zum Studium ging Salzer 1857 nach Heidelberg, wo er sein Staatsexamen ablegte. 1857 übernahm er die väterliche Apotheke, die er bis 1891 in seinem Besitz hatte. Salzer arbeitete viel auf dem Gebiet der Chemie und Pharmazie. Den größten Teil seiner Arbeiten veröffentlichte der Entdecker der Unterphosphorsäure H4P2O6 in der Pharmazeutischen Zeitung, einige auch in Liebigs Annalen der Chemie. Die hintere Flurwand wieder in alter Schönheit hergerichteten Hauses zeigt, umschlossen von einem Sandsteinrahmen, eine von Horst Groh geschaffene Kupferblechtafel mit der Innschrift:

“Palais von Prittwitz

erbaut um 1725

seit 1795 Apotheke

Theodor Salzer entwickelte hier

in der Adler-Apotheke 1857-1891

seine Kristallwassertheorie und

die Unterphosphorsäure H4P2O6

Im Obergeschoss des Hauses der Adler-Apotheke wuchs der deutsche Komponist Rudi Stephan (1887-1915) auf, zu dessen Gedenken die Bronzetafel, die an der Fassadenfront zur Andreasstraße angebracht ist, gestiftet wurde. Jeder neue Jahrgang des Rudi-Stephan-Gymnasiums wurde von Oberstudiendirektor Dr. Mattes mit der Geschichte begrüßt, warum die Schule so heißt, wie sie heißt, wobei er den Hinweis auf die ziemlich schlechten Zeugnisnoten des berühmten Namensgebers Rudi Stephan nicht vorenthielt; er soll noch nicht einmal die Versetzung in die Oberprima geschafft haben. Sogar im Fach Musik hatte der spätere Komponist nur ein “Genügend”. Anlässlich eines Schulkonzertes erfreute er die Gäste allerdings mit Beethovens “Fünfter” auf dem Klavier, wie ein alter Zeitungsausschnitt belegt. Mit 28 Jahren fiel er im Ersten Weltkrieg. Deswegen konnte Rudi Stephan nur wenige seiner Werke wirklich vollenden, galt jedoch als einer der talentiertesten deutschen Komponisten seiner Generation. Die gemeinsame Idee des Altertumsvereins, bei der Übergabe vertreten durch die Vorsitzenden Dr. Walter Hotz und Archivdirektor Fritz Reuter, und des Fördervereins des Rudi-Stephan-Gymnasiums, repräsentiert von Dr. Ernst Knierim und Volker Hasselmann, Rudi Stephan eine Gedenktafel zu widmen, wurde schließlich realisiert.

“In diesem Hause

verbrachte der Wormser Komponist

und Wegbereiter der Neuen Musik

Rudi Stephan

Kindheit und Jugend

geboren am 29.7.1887 in Worms

gefallen am 29.9.1915 in Galizien”

Die seinerzeitige Hauseigentümerin Hilde Schwarz stimmte der nach Aussage des damaligen Oberbürgermeisters Wilhelm Neuß als offiziellem Empfänger der Stiftung “positiven Bürger-Initiative” gerne zu.

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